Besprechung des Buches

David Bohm, Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen, Klett-Cotta 1999

von Christiane Geiser

Als wir im letzten Jahr unser erstes öffentliches Focusing Forum vorbereiteten und uns über Gruppen, Emergenzen und Dialog austauschten, machte mich ein Kollege darauf aufmerksam, dass das Dialog-Buch von David Bohm jetzt auf Deutsch erscheinen sei.

Nach der ersten und auch jetzt nach der zweiten Lektüre bin ich sehr angetan und möchte diese kleine Aufsatzsammlung wärmstens empfehlen.

David Bohm war Physiker und lebte von 1917 bis 1992. Immer hat ihn auch der philosophische, soziale und spirituelle Aspekt seines Fachs beschäftigt, er war äusserst vielseitig interessiert, offen gegenüber Ideen aus anderen Disziplinen und lebenslang fasziniert vom Thema Kommunikation und Bewusstsein. Seine Theorie der impliziten und expliziten (eingefalteten und ausgefalteten) Ordnung hat uns vor Jahren in unserem Focusing-Team lange beschäftigt, die älteren unter uns erinnern sich vielleicht, wie wir einige Zeit während der Achberg Wochen im Sommer angeregt und inspiriert an dieser "Holobewegung" herumexperimentiert haben.

Das Buch umfasst zwei frühe Aufsätze Bohms, in denen er sich vorsichtig an das Thema herandenkt: "Über Kommunikation" von 1970 und "Problem und Paradox" von 1971. Die anderen fünf Aufsätze stammen aus den Jahren 1987-1992 und sind Anleitungen, Beschreibungen und Weiterentwicklungen der Idee der Dialoggruppen, denen Bohm in seinen letzten Lebensjahren einen Grossteil seiner Zeit widmete. Viele dieser Dialoggruppen bestehen bis heute, neue wurden gegründet, Dialogprojekte gibt es mittlerweile überall in der Welt.

Zur Lektüre empfehlen möchte ich besonders den zweiten längeren Aufsatz "Vom Dialog" . In ihm gibt Bohm eine umfassende Beschreibung der Dialoggruppen und ihrer Bedeutung.

Ich fasse zusammen:

Im Vergleich zum Begriff "Diskussion", der dieselbe Wurzel hat wie "Perkussion" oder "Konkussion" und "zerschlagen, zerteilen, zerlegen" bedeutet, hat Dialog (von logos " Wort" und "dia" durch) für Bohm die Bedeutung eines "freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fließt". Es geht also um Partizipation (ein anderes wichtiges Wort), um Teilhaben und sich-Beteiligen, um ein Miteinander.

Erforderlich ist es für einen solchen Dialog, dass alle Beteiligten bereit sind, dem Denken auf die Spur kommen zu wollen, und zwar nicht nur dem individuellen, sondern auch dem kollektiven Denken. Das deshalb, weil nach Bohm "der Denkprozess denkt, dass er gar nichts tut, sondern einem nur mitteilt, wie die Dinge eben sind". Das ist natürlich ein folgenschwerer Irrtum. Durch die fragmentarische Art unseres Denkens erschaffen wir Ganzheiten, Trennungen, bestehen auf Annahmen oder Notwendigkeiten. Das Denken tut etwas und sagt dann, dass es nichts getan habe, dass alles unabhängig von ihm geschehe. Das Denken muss sich also in gewisser Weise seiner Konsequenzen bewusst werden, Bohm nennt das Eigenwahrnehmung, Propriozeption auch im Denken, nicht nur im Körper, wo wir das ja zur Verfügung haben.

Notwendig ist es für einen Dialog, die eigenen wahrgenommenen Annahmen als Wirklichkeitskonstruktionen zu erkennen und nicht als Wahrheit oder als Tatsache, sie dann "in der Schwebe zu halten" (zu "suspendieren", also sie nicht zu unterdrücken, aber auch nicht entsprechend zu handeln "Der Sinn des In-der-Schwebe-Haltens ist es, Propriozeption möglich zu machen, einen Spiegel zu schaffen, damit wir die Folgen unseres Denken erkennen können". Wir reichen unsere Annahmen und Glaubenssysteme sozusagen in die Mitte, lernen die Wirkung, die wir damit auf andere haben, kennen und überprüfen die Wirkung, die die Annehmen anderer in mir abrufen. Dabei ist es unbedingt erforderlich, die Verbindung zwischen den Gedanken, den körperlichen Gefühlen und den Emotionen wahrzunehmen.

Es kann dann, auch bei scheinbar unvereinbaren Meinungen, eine kreative Wahrnehmung neuer Ordnung passieren. Neuer Sinn emergiert, ein kreatives partizipierendes Bewusstsein, eine kollektive Transformation.

Der Sinn des Dialogs ist nicht, etwas zu analysieren, eine Auseinandersetzung zu gewinnen oder Meinungen auszutauschen. Das Ziel ist vielmehr, die eigenen Meinungen in der Schwebe zu halten und sie zu überprüfen, sich die Ansichten aller anderen Teilnehmer anzuhören, sie in der Schwebe zu halten und zu sehen, welchen Sinn sie haben. Wenn wir erkennen können, welchen Sinn all unsere Meinungen haben, teilen wir einen gemeinsamen Gedankeninhalt, selbst wenn wir nicht völlig übereinstimmen. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Meinungen eigentlich gar nicht so furchtbar wichtig sind. Schließlich sind sie alle Annahmen. Und wenn wir in der Lage sind, alle Ansichten gleichermaßen zu betrachten, werden wir vielleicht fähig, uns auf kreative Weise in eine neue Richtung zu bewegen. Wir können

einfach das Verständnis der verschiedenen Bedeutungen miteinander teilen. Und wenn wir das tun, zeigt sich vielleicht unangekündigt die Wahrheit – ohne dass wir sie gesucht hätten". (S. 66)

Ich finde es äusserst anregend, von einem Nicht-Psychologen hier Einsichten zu lesen, die uns aus unserer Erfahrung mit Gruppen vertraut sind, in denen unter gewissen Bedingungen dieser beschriebene "Emergenzeffekt" entstehen kann.

Die Ernsthaftigkeit und visionäre Kraft und die Nachvollziehbarkeit für viele Bereiche unsere Lebens haben mich sehr für diese Buch eingenommen.

Zum Weiterlesen ist inzwischen, ebenfalls bei Klett-Cotta, ein sehr empfehlenswertes Buch erschienen, das über Dialogprojekte in verschiedenen Kontexten berichtet: Martina und Johannes F. Hartkemeyer/L. Freeman Dhority: Miteinander Denken. Das Geheimnis des Dialogs.

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